Seismographische Spurensuche im Graphitstaub
Sabine Arlitt, 2009 (Textauszug)
Linien verdichten sich - Zeit speichernd - zu transparenten körperhaften Gespinsten.
Die zarthäutigen, zuweilen wie hingehaucht anmutenden Zeichnungen von Doris von Stokar verbinden Fragilität mit Verletzlichkeit, Transparenz mit Vergänglichkeit. Sie schafft mit ihren Zeichnungsinstallationen eine Art Raumklima. Das Geschehen im Dazwischen - im Uebergang eben, zwischen Formation und Auflösung - eröffnet mentale Räume. Das Potential der in den Zeichnungen angelegten visuellen Metamorphosen und virtuellen Verschmelzungen, das Potential an Ereignissen und sich verändernden Umständen lösen Verbindungen nach freiem Empfinden aus. Alles ist in Schwingung versetzt. Brüste mutieren zu Augen, Körper hören. Galertartige Organismen, die im Wasser zu treiben scheinen, suggerieren eine über die Elemente und Aggregatzustände sich hinwegsetzende Verbundenheit mit den filigranen Schirmchen des Löwenzahns, die durch die Lüfte fliegen. Schmetterlinge tauchen als Vögel der Nacht und des Tages auf. Galaktische Lichter durchbrechen kosmische Dunkelheit. Zeichnen ist eine zutiefst fruchtbare Angelegenheit.
Das altgriechische Wort für Schmetterling bedeutet: Hauch, Atem, Seele. Doris von Stokar gibt in ihren Zeichnungen energetischem Treiben einen Ort - eng auf den eigenen Körper bezogen, weiblich, erotisch.
Martin Kraft , Kunsthistoriker (Textauszug)
Doris von Stokar erfasst ihre alltägliche Umgebung mit der Neugierde und Präzision eines Naturforschers. Oberflächenstrukturen, seien es pelzige, fasrige oder wie auch immer geartete, gibt sie mit fast greifbarer Sinnlichkeit wieder - und nimmt doch alles Sinnliche insofern wieder zurück, als sie auf Farbe verzichtet, sich auf ein einziges Medium beschränkt, den Bleistift, der aber natürlich eine Vielfalt von differenziert eingesetzten Bleistiften ist. Sie selber fühlt sich als Zeichnerin wie eine Art Filter, durch den die Erscheinungen hindurchgehen, um zu etwas zu werden, das sie nicht mehr benennen kann. Dabei ist dieser Prozess bei ihr, die vorzugsweise in Serien arbeitet, mit dem vollendeten Blatt noch nicht unbedingt abgeschlossen. Was nach einer solchen Filterung zurückbleibt, könnte man als das Wesen, beispielsweise einer Pflanze, umschreiben. Oder es liesse sich von Verdichten, von Dichtung sprechen.
Denn diese Zeichnungen haben tatsächlich eine Verwandtschaft mit Lyrik, wo ja gerade dort, wo ein alltägliches Phänomen mit wenigen Worten genau erfasst wird, diese Worte sich auf einer ganz anderen, unalltäglichen Ebene bewegen.
Intensiv thematisiert die Künstlerin den Körper, den eigenen Körper. “Zeichnen ist für mich wie eine sinnliche, traumwandlerische Aufnahme des eigenen Körpers, Auseinandersetzung mit ihm, der eigenen Weiblichkeit, der Rolle der Frauen, des Menschen, der Welt. Bilder, Gegebenheiten, Details, die mich seltsam berühren, lassen sich auf fast intuitive Weise auf Papier nieder - als Zeichnung: mit lyrischer Zeichensprache das weibliche Körperempfinden ausdrücken.”
Wesentlich für die Zeichnungen von Doris von Stokar ist ja die Art ihrer Entstehung, die Lebenshaltung, die sie entstehen lässt und die sich in einen betonten, fast anachronistischen Gegensatz zu einer von der Technik beherrschten Welt stellt. Sie könnte ja heutzutage mit Naturfotografien und deren nachträglicher Bearbeitung am Computer sehr viel rascher und bequemer zu künstlerischen Ergebnissen kommen, die vielleicht auf ihre Weise auch zu überzeugen vermöchten und doch mit dem, was wir hier sehen, sehr wenig zu tun hätten. Denn was wir in diesen Blättern sehen oder fühlen oder eben beides zusammen, ist nicht zuletzt die Zeit, die in sie eingeflossen ist: eine Zeit des geduldigen Beobachtens und des stillen Hineinhorchens in den eigenen Körper, schliesslich die Zeit der langsamen handwerklichen Ausführung, die mit dem teils vielschichtigen Auftragen und gelegentlich auch wieder Abtragen der Bleistiftschichten unwillkürlich an die altmeisterliche Malerei mit Lasuren erinnern mag, Zeit, die es sich
lohnte für die Kunst zu opfern - eine Zeiterfahrung alles in allem, die sich, so ist zu hoffen, auch auf die Betrachtenden überträgt.
Jörg Stummer, Galerist
Die Zeichnungen von Doris von Stokar eröffnen sich nicht auf den ersten Blick. Sie wirken zurückhaltend, bescheiden, unprätentiös und leise. Sie sind ganz selbstverständlich einfach da. Das Bleistiftgrau und die filigrane Zeichentechnik schaffen eine vielschichtige Stimmung, die nach und nach auf Betrachter und Betrachterinnen wirkt. Und sie lassen viele Interpretationen offen: Kleider, Häute, Weiblichkeit, Erotik, Spuren, Träume, Identität, Erinnerung und Geheimnis. Oder Zauber und Stille.
Die Zeichnungen entstehen in Zyklen und kreisen ein Thema langsam ein - zum Beispiel die “Brustblätter”. Man fragt sich, welche Aussage sich hinter den wehrhaften und zugleich beschützenden Brüsten mit Titeln wie “Brustkette” oder “Brustspindeln” verbirgt - reizvoll und formschön sind sie aber auf jeden Fall.
Bei den Arbeiten von Doris von Stokar stellt sich die Frage nach der Aussage immer wieder neu und stets auch individuell. Die Aussage von Frank Stella, “what you see is what you see” muss hier aber auch ergänzt werden mit der Feststellung “what you feel”. Denn so zurückhaltend die Zeichnungen unter dem Titel “Süssdolde”und “Pollenflug” auch sind, sie wecken Gefühle jenseits von gängigen Klischees und beeindrucken ganz besonders in ihrer stillen Intensität.
